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Sommertheater

"Cyrano de Bergerac" im Zimmertheater
copyright Rottweil ist überall

„Sommertheater.“ Von wegen Sommer. Nieselregen und herbstliche Kühle und eben kein Sommerabend im Bockshof. Dabei hätte das Stück so gut dorthin gepasst. Pulverturm und Mauer im Hintergrund, das Neckartal, in dem die Spanier lauern; irgendwo ein lauschiger Balkon, eine schöne Frau darauf, und versteckt im Dunkel zwei verliebte Männer, die sich am Ende vieler Reime um den Kuss streiten, gibt es ihn oder gibt es ihn nicht. SIE würde. Ach, ich könnt mich aufregen, über diesen Sommer, der so gar keiner ist.

Es war trotzdem ein toller Abend, auch in der Stallhalle. Es ist ein wundervolles Stück. „Angenehm leicht“, meinte meine Nebensitzerin. Ja, das stimmt. Keine Schwere, die auf Schultern und Gemüt drückt, von der es derzeit so viel gibt. Was nicht heißt, dass es nicht gehaltvoll wäre. Was Lügen mit Leben und Lieben machen, steckt darin, wie Eifersucht und Neid Herzen härtet, wie Komplexe verbiegen und wie schwer es Frauen gemacht wurde und wird, ihr eigenes Glück und Wohl zu verfolgen und dabei der herrschenden Sittlichkeit Genüge zu tun.

Die von drei Männern – dem einflussreichen Comte de Guiche, dem kühnen Cyrano de Bergerac, und dem schönen Christian – umworbene Roxane ist bürgerlich und hat es vermutlich als solche im Frankreich des 17. Jahrhunderts nicht unbedingt leicht, einen selbstbestimmten, glückversprechenden Weg zu finden. Sie muss sich gut stellen mit dem mächtigen Comte de Guiche, der die Gascogner Kadetten befehligt, in denen sowohl Cyrano dient als auch ihr geliebter Christian. Und im Flirten mit Christian, der nicht nur schön, sondern auch adelig ist, gilt es die schickliche Form zu wahren. Roxana ist preziös. Mir ist das Wort nicht neu; ich hatte es immer mit affektiert übersetzt, und mit überkandidelt. Doch ich hatte nicht gewusst, dass Preziosität eine Art Bewegung war. Wikipedia sagt dazu „in Frankreich etwa seit Mitte des 17. Jahrhunderts Lebens-, Empfindungs- und Ausdrucksweisen von äußerster oder übersteigerter Kultiviertheit“, und die Wissenschaft scheint nicht sicher, ob es sich dabei nicht auch um emanzipatorische Anstrengungen handelte, das Überkandidelte als Parodie nutzend, wenn ich´s recht verstehe. Roxane jedenfalls will geistvoll umworben sein.

Nun ist Christian verliebt, und das Küssen wäre sein Problem nicht, aber er ist wenig wortgewandt. Die Sache mit den schönen Worten übernimmt Cyrano, der umso geist-und wortreicher ist, doch ist er gehandikapt mit seiner übergroßen Nase. Mit meiner Nebensitzerin bin ich einig, dass wir den Mann mitsamt der Nase schön fänden. Wie sie überhaupt alle durch die Bank, Männer wie Frauen, Schauspieler*innen wie Sänger, eine Augenweide sind. Roxane jedoch entdeckt, dass ihr äußere Schönheit weniger bedeutet, dass sie den Geist liebt, der ihr so kunstvoll schmeichelt. Aber da ist es eigentlich fast zu spät.

Das ganze Stück ein Hoffen und Bangen, kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht, und kommt am Ende zusammen, was zusammen gehört.

Sie sind nicht nur allesamt eine Augenweide – sie spielen auch alle ganz fantastisch. Dass die schöne Roxane, (Nora Kühnlein), Köpfe verdreht, ist überaus glaubwürdig; wie Cyrano, (Mathias Kapetzki), um sie und unter der Nase leidet, lässt meine Nebensitzerin und mich innig zugetan mitleiden. Christian wird von Luc Schneider bravourös verkörpert; er ist als Christian ein echter Schönling, aber stimmgewaltig und voll Elan, und in anderen Rollen bestimmt ebenso überzeugend. Der Comte (Frank Deesz), ist beeindruckend in seinem Bestreben, seine Macht zu benutzen und Schönheit und Leben anderer für sich zu beanspruchen, und ist von uns im Publikum drum von Herzen ungeliebt. Ich mochte die poesieliebende Bäckerin Raguenette, (Luise Harder), die von akrobatisch-leicht und übermütig-fidel bis schwermütig und todernst die Bühne rockte. Einen Freund wie le Bret (Philip Kessel) wünscht man sich, und der Kapuzinermönch, (Stephan Müller), rührte in seiner opportunistischen Naivität an unsere Herzen. Die sind durch den Männerchor längst erweicht.

Es ist auch in der Stallhalle ein fantastisches Sommertheater. Ich wünschte ich hätte es gesehen an einem lauen Sommerabend im Bockshof, und wenn es sich nochmal ergibt, dann hole ich das nach. Aber auch in der Stallhalle ist „Cyrano de Bergerac“ unbedingt zu empfehlen. Ein Große-Klasse-Abend ist garantiert.

 

Weitere Vorstellungen gibt es am Do, 05.08., Fr., 06.08., Sa., 07.08., So., 08.08., Do., 12.08., Fr., 13.08., Sa., 14.08., So., 15.08., Di., 17.08., und Mi., 18.08., je nach Wetter im Bockshof oder in der alten Stallhalle.

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