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Ein kleiner Mann

und sein großes Leid
copyright Rottweil ist überall

Er wohnt nicht weit von mir, um ein paar Ecken, doch trotz der Nähe sehen wir uns manchmal länger nicht, und wenn schließlich, dann bleibt es meist beim kurzen ´Hallo´. Heute sehe ich ihn im offenen Fenster, er blickt auf und mich direkt an, hält inne in seiner Bewegung und signalisiert ´Reden´. Gut, ich bleibe stehen. Er hält den Lappen in der Hand, auf dem Büffet steht ein Eimer dampfenden Wassers. Sein Oberkörper ist leicht vornüber gebeugt, die Schultern hängen nach vorn, was ihn kleiner und gedrungener wirken lässt als er ohnehin ist. Das Haar ist schütter, das Gesicht zerfurcht, der Kopf ist eingezogen als regnete es. Das tut es nicht, die Sonne scheint, aber die erreicht ihn selten. Die dunkelste und klammste Wohnung hat er, klagt er, eine Stadtwohnung im Erdgeschoß, mit Blick auf Mauern und Hauswände aus jedem Fenster. ´Lichtdurchflutet´ ist in der Tat anders. Er ist recht nett eingerichtet - für einen quasi Junggesellen. Da war mal was, lange her, aber ich kenne ihn nur solo. Früher, denk ich, lebten Junggesellen auf Matratzen auf dem Boden, zwischen Magazinen, Plattensammlungen, verstreuten Tellern und Kleiderhäufen. Da war Licht im Übrigen gar nicht so angesagt. Die Freuden des Tageslichts galten als durchaus ambivalent. Naja, wir sind alle in die Jahre gekommen. Die gut Gestellten besitzen heute Kaffeevollautomat und Induktionsherd, und sie kochen frisch und sterneverdächtig, und ja, ´lichtdurchflutet´ gilt als schick. Bei diesem hier geht’s bescheidener zu, es riecht nach Maggi und schlechtem Öl, und am Tisch steht nur ein einziger Stuhl. Auf Besuch eingerichtet ist man hier nicht. An fehlender Gemütlichkeit liegt es allerdings nicht. So unhübsch ist die Wohnung nicht. Geschieden ist er, schon lange, die Kinder sind anderswo groß geworden und sie melden sich selten. „Ist alles nicht so geschickt gelaufen“, meint er, wenn das Gespräch auf Familie kommt, und zieht den Kopf dann noch etwas tiefer. Aufgaben, die schwierig sind und Zweifel mit sich bringen, so schließe ich aus seinen Erzählungen, begegnet er mit Furcht und Fluchtgedanken. Übersichtliche Arbeiten und klare Ansagen sind ihm das Liebste. Das ist nur nicht mehr so einfach, in diesen aufgewühlten, krisengeschüttelten Zeiten.

Der Herbst drückt ihm aufs Gemüt, die Tage sind zu kurz und zu lang zugleich, die nassen Blätter kleben am Trottoir, und die vorüberfahrenden Autos sprühen feine, aschgraue Regentröpfchen an seine Fenster. Er ist am Putzen. Das Leben ist voller Widrigkeiten und auch viele kleine geben zusammen eine große. Eine satte Prise Depression liegt in seiner Stimme, auch wenn er sich um Tapferkeit bemüht. „Man muss ja“. Das Leben ist voller Müssens. Und das selbst in diesen Zeiten, in denen die Natur sich in den Winterschlaf begibt und die Städter zwischen Quarantäne und Kurzarbeit wechseln. „Besorgen Sie sich schöne Lichter“, sage ich. Eine Stehlampe ersetzt die Sonne nicht, aber auch ihr Licht tut gut. „Ach. Jaa“, ich höre das Nein im Ja, und ein ´bringt doch auch nichts´. Düsternis macht sich ungehindert breit bei ihm, es ist ein Elend. Weihnachtsmärkte sind abgesagt; die vielen Lichter, die Musik und der Geruch nach Glühwein – ja, er hat ja Recht. Das konnte einem den Winter schon etwas schmackhafter machen.  Wenngleich ich persönlich immer fand, die Kombination von süßem, klebrigem Wein in dicken Tassen und Schupfnudeln auf Papptellern ist zum Einen schon optisch kaum zu toppen und zum andern auch nur für robuste Mägen. Dem Gourmet stehen da vermutlich die Haare zu Berge. ´Geröstetes Kraut auf Buabaspitzle´- man will das Bild nicht weiter vertiefen. Dazu braucht´s tatsächlich einen Schuss Hochprozentiges im Wein. Dass es danach mit dem Abstandhalten nicht mehr so einfach ist, liegt auf der Hand; so gesehen kann ich Marktabsage und Alkoholverbot durchaus nachvollziehen.

Ach, er wäre sowieso bloß mal so durchgelaufen, sagt er. Er hat ja sowieso kein Geld. Immer nur Zeitverträge und Leiharbeitsfirmen, und zwischendurch wieder das Jobcenter. Und jetzt Corona, und alles hat zu, und er kommt nicht mehr raus, und da bricht es aus ihm, und ich will eigentlich weiter gehen, ich bin in Eile, aber das verbietet sich.

Depressionen begleiten ihn schon lange, und dass es ihn jetzt erwischt, das war ja klar, sagt er. Der letzte Job war auch wieder befristet und ist jetzt zu Ende. Und wer stellt jetzt schon ein, wo alles auf Kurzarbeit ist. „Die im Jobcenter, die machen jetzt Homeoffice. Aber sobald die wieder in ihren Büros sitzen, geht´s wieder los, mit Schreiben und Aufforderungen und Druck. „Bewerben Sie sich hier und da“, die unmöglichsten Jobs zu den unmöglichsten Bedingungen. Sonst wird gekürzt.“ Mit Vollzeit hat er grade mal 1000 Euro netto, sagt er. „Und wenn sie jetzt wieder einstellen, dann sind´s wieder Leiharbeitsfirmen, und die drücken weiter, und am Ende sind´s kaum neun Euro die Stunde, und fahren muss man dafür eine halbe Stunde bei Tag und bei Nacht und bei jedem Wetter. Und wehe, man ist mal krank, dann ist´s mit einer Festanstellung sowieso gleich vorbei.“ Er WAR öfter mal krank. Das war auch schon anders; er ist gelernter Handwerker und hat seine Arbeit gehabt und jahrein jahraus geschafft. Aber dann kamen die Probleme. Es lief nicht alles geradeaus, und das hat ihn mitunter gebeutelt, und die Dinge schlagen ihm halt schnell auf Gemüt und Magen. So hat es in den letzten Jahren immer wieder Jobwechsel, Kranksein und Phasen von Arbeitslosigkeit gegeben.  Hat er es mal mit einer Therapie versucht?, frage ich. Er mag zu den Leuten gehören, die dazu ein empfindliches Verhältnis haben; ´Therapie´; es gibt ja Leute, die setzen das sofort mit einer Diagnose ´spinnt´ oder ´hysterisch´ gleich. „Es hat ja jeder so seine Baustellen, auf denen was im Argen liegt“, erläutere ich, um die Hürde niedrig zu halten. Er war in einer. „Ach, das bringt ja auch nichts. Die verschreiben Medikamente, und mit denen ist es ein bisschen besser, aber weg ist es nicht, und man ist wie neben sich.“ Irgendwann hat er sie abgesetzt. Wenn er sich schon vergiftet, sagt er, dann will er wenigstens, dass es ihm auch gut geht damit und er sich gesund fühlt. Scharfe Logik, denke ich. „Früher“, sagt er, „da haben sich die Ärzte Zeit genommen. Da hat man zwei, drei Stunden warten müssen. Aber WENN man dann dran war, dann hatte die Frau Doktor eine dreiviertel Stunde Zeit. Und schon dadurch ging es besser.“ Heute wartet er kürzer, aber er ist nur fünf Minuten drin und bekommt halt ein Rezept mit. Wozu also hingehen. Und dann sei mal einer eingeschlafen. Das ist natürlich bitter. Das Wasser dampft im Eimer, der Mann redet als hätten all die Worte keinen Platz mehr in ihm und drängten gewaltsam raus. Aber ich kenne ihn auch anders; er scheint mir keiner, der das Herz auf der Zunge trägt. Und dann ist das bitter – vor dem Therapeuten sitzen, reden und erzählen und sich offenbaren, und das Gegenüber schläft ein. „Man braucht Energie für so was. Das kostet ja Kraft“, sagt er. Klar! Dem Therapeuten gehört der Stuhl unterm Hintern weggezogen. Dann war er in Selbsthilfegruppen. Das war ganz gut. „Aber die haben ja jetzt alle zu - wegen Corona.“  Es gibt nichts mehr, sagt er. Und da schlucke ich. Das ist so einer der Punkte, die ich nicht verstehe. Man kann doch nicht einfach dichtmachen und zumuten und den Leuten die Hilfen verweigern, die sie brauchen, um die Zumutungen auszuhalten. Offenbar gibt es keine anderen Konzepte als ersatzlos zu streichen. Das kann´s doch nicht sein. Aber offenbar doch. Zuletzt war er in Reha. Obwohl ich einen anderen Eindruck habe, sagt er, sie habe nichts gebracht. Jetzt sei er ´gesund geschrieben´; er lacht; „so was geht. Gesundschreiben. Es sei alles Einbildung.“ „Käme nicht eine Frührente in Frage?“ will ich wissen. Er geht stramm auf die Sechzig zu, und ich denke, wenn einer eh so geplagt ist und offenbar nirgends richtig gebraucht wird -. ´Hätten doch alle was davon. Dann könnt er sich besser um seine alten Eltern kümmern, und vielleicht ehrenamtlich was machen; er ist handwerklich geschickt und WILL ja was tun. „Das wird nichts. Das wollen alle. Die Wartezimmer sind voll.“ Wieder lacht er bitter. „Lauter Ausländer. Hier nie groß eingezahlt, wollen aber alle in Frührente. Und für DIE muss man andere Geschichten auftischen – dafür muss man lügen. Das schaff ich nicht. Die Lüge muss man ja durchziehen. So einfach ist das alles nicht mehr. Die gucken schon, dass man sich zum Schaffen schleppt bis zuletzt.“ Ich nehme den Ausländerverweis unwidersprochen hin, und das ´Lügen´ ebenso, obwohl es mich beides stört. Solche Pauschalisierungen und Vereinfachungen sind auch verkehrt. Ich denke ans bedingungslose Grundeinkommen, und wie viel Gift das aus Leuten und System nehmen würde. Ich sage nichts. Dies ist seine Geschichte. Er sagt, er sei müde. Dann soll er sich halt hinlegen, entgegne ich. Er hat ja Zeit. Man muss es sich doch nicht schwerer machen als notwendig. Aber das getraut er sich nicht. „Der Körper gewöhnt sich dran, und dann fordert er es ein, und dann schaff ich es nicht mehr ohne. Und was ist, wenn ich dann wieder ein Gschäft habe? Dann pack ich das nicht. Davor hab ich Angst, und also lege ich mich nicht hin.“ Er steht morgens früh auf und hält sich irgendwie auf den Beinen und verkneift sich den Mittagschlaf. Kein Internet. Das hat er nicht. Er hält sich an feste Rhythmen und feste Abläufe und ist bemüht alles recht zu machen und das erwartet er genau so von anderen auch. Deswegen hat er gelegentliche Reibereien in seiner Hausgemeinschaft. Ich kann´s mir gut vorstellen - ein bisschen kleinlich und engstirnig kommt er schon rüber. Aber mangelnde Disziplin kann man ihm sicher nicht vorwerfen.

Neulich hatte ich eine Suppe vorbei gebracht. Die habe ihm geschmeckt. Er bedankt mich und gibt mir die gespülte Dose. Er tut mir ja leid. Ich sehe seine Not schon länger und verstehe seine Ängste, und ich denke, so kann man mit den Leuten nicht umgehen. Sein Durchhaltewille ist wirklich das Einzige, was er den Herausforderungen dieser Zeit noch entgegenzusetzen hat. Nur, dies Fazit, das er selbst zieht, darin folge ich ihm nicht. ´Die Ausländer´ sind´s für ihn, und die, die nicht schaffen wollen, und die, die rücksichtslos sind und über die Stränge schlagen uswusf – in seinen Schuldzuweisungen werden sie alle geschützt von ´den Großen´, die ihn ´kleinen Mann´ nicht hören. Auch das nimmt er tapfer und mit bitterem Lachen; „muss man halt weitermachen“. Er taucht den Lappen ins Wasser und wringt ihn aus.  Vielleicht ist das so. Ich weiß es nicht. Vielleicht hören ´die Großen´ wirklich nicht. Kann schon sein. Aber dass ´Ausländer´ und ´Flichtling´ größeren Schutz genießen, das stimmt sicher nicht.

Auf Lesbos wurde ein von der UN als vorbildlich gelobtes, selbstverwaltetes Flüchtlingslager brutalst geräumt. In dem Lager waren Schwangere, Familien mit kleinen Kindern, schwer Traumatisierte, Behinderte, und Opfer von Folter. Mitarbeitern der dort tätigen Organisationen wurde Zugang und jede Hilfe verwehrt. Die Leute wurden in das Lager Kara Tepe gebracht, das ebenfalls bis Dezember geräumt werden soll. Das macht mich sprachlos, und ich denke  wie Greta Thunberg wegen des Klimawandels „how dare you“. Wie kann man nur.

https://www.kindernothilfe.de/presseuebersicht/pressemeldung-uebersicht/pressemitteilungen-2020/griechenland-pikpa-geraeumt

Unter anderen Umständen könnten wir alle Ausländer und Flüchtlinge sein, irgendwo. Es ist fies, Not gegen Not auszuspielen. Und es hilft auch keinem. Unser Wirtschaftssystem ist menschenverachtend. Und so lange das so bleibt, bleiben auch die Krisen. ´Weitermachen´, das ist es ja eben. Das tun auch Politik und Wirtschaft, als passierte nichts und drängte nichts zum Umdenken.

„Das sind keine Probleme von uns“, sagt er und lacht sein kurzes, scharfes Lachen, „die machen eh, was sie wollen“. Die Großen und die Kleinen. Den einen die Wollens, den andern die Müssens, so einfach sei das. Er beginnt die Fenster zu wischen, und ich denk, vielleicht kann man das so sehen. Aber man kann es nicht unwidersprochen so stehen lassen. Ich gehe weiter. Ich will darüber nachdenken. Widersprüche wollen schließlich gut durchdacht und vorbereitet sein.

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