Rede fürs Forum für Rottweil, gehalten am 5.März 2026 vor der Stadthalle
Ich freue mich, hier stehen und zu euch allen sprechen zu dürfen. Ich freue mich auch deshalb, weil ich von hier oben sehe, wie unterschiedlich wir sind, und wie viele. Allein dies Wissen schenkt Zuversicht. Um es mit Hölderin zu sagen „wo die Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Zusammen sind wir sehr viele. Zusammen sind wir die Brandmauer.
Ich muss niemandem Gründe liefern, weshalb es richtig und wichtig ist, hier zu sein. Die Gründe, die Partei da drin mies zu finden, sind bekannt und offensichtlich.
Ich will darüber sprechen, was es mit uns macht, wenn wir uns gegen sie stellen, und wie wir bei allem Druck dennoch stabil bleiben. Denn Druck gibt es, und er nimmt zu.
Der Rechtsruck ist global und wirkt übermächtig. Man denke nur an Trump, Doge, der Raubbau an Strukturen und dann die ICE-Truppen. Die Bilder, die man sah, sind schwer erträglich. NGOs und die Zivilgesellschaft stehen auch hierzulande unter Druck. NGOs und bürgerliche Zusammenschlüsse erfüllen mitunter hoheitliche, staatliche Aufgaben, besser und billiger als eine staatliche Behörde das könnte. Dies Auslagern ist gewollt. Wenn die Staatsmacht nun gegen die Zivilgesellschaft schießt, sie gängelt und diskreditiert, dann verrät sie auch eigene Aufgaben.
Gleichzeitig wird der Druck auf Arbeitende erhöht. Die Energie, die für Ehrenämter und gesellschaftliches Engagement übrigbleibt, wird zwangsläufig weniger. Unser aller Gemeinwesen steht unter Druck.
Die Rechten jubeln da. Starke Zivilgesellschaften bieten eine Vielzahl an Möglichkeiten und Wegen. Das ist genau nicht erwünscht. Rechte wollen EINE Form, keine Vielfalt. Rechte wollen Familien, in denen ein Mann das Sagen hat und man sich gegenseitig kontrolliert, um nicht allesamt in Ungnade zu fallen.
Jeder kennt vermutlich mittlerweile Rechte im näheren Umfeld. 30 %, so heißt es, sei das maximale Potential des Faschismus in einer Gesellschaft. Dann braucht es nur noch genügend Mitläufer, und es klappt mit einer Machtergreifung. 30% ist fast jeder dritte. Das ist keine Mehrheit, aber verdammt viel. Wir begegnen ihnen überall.
Ich hab es in der Familie, und es stellt sich bei jedem Zusammenkommen die Frage, wie wir damit umgehen. Wir haben „nicht salonfähig“ derzeit als eine Art Schweigeabkommen definiert. Die Afd bleibt draussen; wir reden nicht über Politik und Weltanschauungen. Das ist langweilig, aber friedlich. Und es funktioniert vielleicht auch nicht ewig. Probleme kann man so nicht lösen. Es können Momente kommen, an denen etwas zum Entscheiden zwingt. Spätestens dann stellt sich die Frage „wer bricht wie das Schweigen“ , und brechen dann auch Kontakt und Nähe. Es ist nicht undenkbar. Ich würde das bedauern. Für mich war und ist Familie das Band, das hält, egal, was kommt. Ich wäre unter Umständen die, die die Türe zuknallt und dann den Schlüssel unter die Matte schiebt. Selbst in der ärgesten Auseinandersetzung sollte noch die Chance zur Versöhnung stecken.
Die Afd spaltet. Wer nicht FÜR sie ist, ist gegen sie. Man ist WIE sie - dann ist man Freund - sonst Feind. Sie geben sich stets als Opfer, um nicht Täter zu sein. Sie verschleiern, verdrehen und verballhornen. Sie greifen einzelne Probleme heraus, und bauschen um diesen herum mit viel Fake maximale Empörung. Es geht ihnen nicht um Lösungen für reale Probleme, es geht ihnen um die Empörung darüber. Pierre Rosanvallon, franz. Historiker und Prof. für moderne Geschichte, nennt das „sie reduzieren das Volk auf eine Ekel – und Frustrationsgemeinschaft“. Sie bieten einfache Antworten und Weltbilder; und eine einfache und anstrengungslose Selbstbestätigung auf Kosten anderer. Sie diffamieren und hetzen. Sie diskreditieren staatliche Institutionen. Sie bezeichnen jede Regel, die ihnen nicht gefällt, als faschistoid. Dabei besteht Politik aus dem Erstellen von Regeln. Sie werfen mit dem Dreck werfen, in dem sie sich selbst suhlen. Es GIBT Meinungsfreiheit. Ich bin so frei und finde die Afd und ihre Fans scheiße.
WIR sind die Brandmauer. Viele Leute, die gar nicht unbedingt mit den Rechtsextremen sympathisieren, bezweifeln, dass es die braucht. Aber dass ein inhaltliches Stellen nicht funktioniert, wissen wir. Ihr Populismus dient nicht einer bestimmten Politik, sondern der Machterlangung um der Macht willen. Populismus als Machttechnik ist im Wesen prinzipienlos und schert sich nicht um Argumente. Ihr Ziel ist ein Gesellschaftsbild, mit dem sie klarkommen, in dem es starke Männer oben und ein möglichst homogenes, folgsames Unten gibt. In dem, würden sie siegen, sehr bald die Revolution ihre eigenen Kinder fräße, weil es dann um „gleich genug“ geht. Es ist im Grunde konzeptionierter, bösartiger, für MEIN Empfinden über die Maßen testosterongesteuerter Kleinmut. Und das „Testosterongesteuert“ gilt sogar für eine Alice Weidel, die vielleicht heute da drin spricht. Wir sind alle beides, Mann UND Frau, haben beides in uns, in unterschiedlicher Dosierung. Gerade deshalb ist die Genderthematik weniger eine Ideologie, als eine Frage des Umsetzens dieser Tatsache. Die Afd benutzt dies Thema wie viele andere in ihrem Kulturkampf gegen Vielfalt und persönliche Freiheit.
Sie beschießen die Brandmauer, sie streichen Mittel, verschärfen Gesetze und Rahmenbedingungen, lassen ins Leere laufen. Sie verängstigen und Leute geben auf. Es wird immer neue Lücken und Löcher in der Brandmauer geben. Wir verzagen nicht. „Wo die Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Wir bauen sie wieder auf. Wir müssen immer wieder neu zusammenrücken und die Lücken schließen.
Der Druck hat auch sein Gutes. Es hat sehr viele Leute daran erinnert, dass eine demokratische, rechtsstaatliche Gesellschaftsform nicht selbstverständlich und kein Automatismus ist. Man könnte verzagen angesichts des Erstarkens der Rechten. Aber man kann es auch zum Anlass nehmen, sich neu aufzustellen. Sie zwingen uns zu Entscheidungen: was und wie will man sein? Will man sich gehen lasssen und sich hineinsteigern in die eigenen Abgründe, oder will man sich selbstreflektiert an den eigenen Talenten orientieren? Will man sich erregen oder sich informieren? Will man antagonistisch gegen alles Andere sein wie sie oder solidarisch?
Wir machen´s besser. Wir sind die Brandmauer. Wir erhalten uns unsere Freiräume und geben sie uns gegenseitig, wir schaffen eigene Strukturen, von Arbeitsgemeinschaften über Banden und Bündnisse zu Cliquen , Clubs und Communities, über Genossenschaften zu Kooperativen, über Netzwerke zu Mitmachwerkstätten und übers Werken zu Zusammenschlüssen von A bis Z. „“Zusammen“ schaffen wir das, diese Krise und alle anderen auch.
Diese Rechten hassen dies Land und seine Leute. Oberfascho Höcke sieht keinen Anlass, irgendetwas zu verteidigen, der ehemalige Sprecher der Bundestagsfraktion, der gefeuert aber mittlerweile wieder eingestellt wurde, hatte gesagt, „je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die Afd“; wir müssen davon ausgehen, dass sie es nach wie vor so sehen. Sie hassen. Wir lieben. Sie wollen spalten, wir rücken zusammen, sie arbeiten mit Lug und Trug, wir mit Wahrhaftigkeit - wir tun uns zusammen und erhalten uns die Räume, in denen wir „Mensch bleiben“, wie Margot Friedländer das ausdrückte, Räume, in denen wir ein aufgeklärtes, humanistisches Menschenbild bewahren, für uns und unsere Nachwelt.
Das wäre mein Ansatz und mein Traum. WIR sind die Brandmauer. Halten wir zusammen.
Danke fürs Zuhören
Bei der Veranstaltung war die Rede doch auch sehr anders, vor allem kürzer :)
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