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Immer wieder Montags

Kein Gassenhauer
copyright Rottweil ist überall

Sie waren im Grunde an mir vorübergezogen, die Montagsspaziergänge. Ich bleibe so leidlich meinem Neujahrsvorsatz treu und schiebe die geballte Wucht der Krisen öfter mal beiseite. Aber neulich saß ich montags um kurz vor sechs an der Bushaltestelle und wunderte mich über den Menschenstrom, der sich Richtung Schwarzes Tor und Fußgängerzone bewegte. Ich habe einige Leute darin gekannt, nette, friedliche Leute, die mit rechts null und nichts und null am Hut haben. Es dauerte, bis ich kapierte, dass sie wohl Teilnehmer des Protest-Demo-Spaziergangs waren.

Über die wird jetzt gestritten. Muss das sein und wieso und geht das nicht auch anders und weshalb sind sie gegen was eigentlich und vor allem mit wem. Mancherorts gibt es Gegendemonstrationen, und dann wird gestritten, wer sich falscher verhält. Den einen gehen die Maßnahmen nicht weit genug, andere lehnen sie alle rundum ab. Und zwischen den Gegensätzen „NoCovid“ und „Gar keine Maßnahmen“ ist viel Wut und Unverständnis und anscheinend „Spaltung“.

Ich mag dies Trennen in „geimpft“ und „ungeimpft“ und den Druck, der darauf aufgebaut wird, auch nicht. Aus Infektionsschutzgründen mag das die am nächsten liegende Lösung sein, aber mit etwas mehr Mut und Willen hätte es vielleicht doch auch andere Wege gegeben. Hin wie her - spalten tun wir wenn, dann selbst. Wir sind es, die auf die jeweils andern schimpfen und uns entzweien. Die Politik kann kaum besser sein als die Bevölkerung, über die sie regiert. Wären wir nicht so leidenschaftlich bereit zu streiten und uns zu entzweien und wären wir toleranter gegenüber anderen Haltungen und nachsichtiger bei Fehlern, die es überall gibt, wo gehandelt wird, würde sich nichts und niemand spalten. Wir sind mitunter schrecklich kleinmütig.

In der Sache habe ich durchaus Sympathien für diese Spaziergänge. Ich bin mittlerweile geboostert, aber gegen eine Impfpflicht, und gegen 2G bin ich auch. Aber mitgehen tu ich nicht. Mir sind die Anliegen zu diffus. Ich habe nichts gegen Maskenpflicht und fand 3G auch völlig in Ordnung. Lüften und Händewaschen sind eh kein Fehler und Abstand-halten auch nicht, wenngleich ich manche Massenveranstaltungen inklusive Gedränge durchaus vermisse.  Auch vermisse ich mehr Entscheidungsspielraum für individuelle, situative Lösungen. Was beim einen richtig ist, ist beim andern falsch. Viele Regeln sind zu weit weg von der gelebten Wirklichkeit und lassen sich nicht anpassen.

Aber ich gehe nicht mit Rechten. Selbst wenn sie bei den Montagsdemos leise sind - die Afd schreibt es sich aufs Konto und macht alle zu Mitstreitern ihrer Sache. Und ich will der Afd und dem ganzen blauen und braunen und grundsätzlich aufwieglerischen Gemisch keinen Grund zum Jubeln geben.

Die Diskussion über eine Impfpflicht, die macht mich fassungslos. Kann man noch blöder Vertrauen kaputtmachen? „Eine Impfpflicht wird es nicht geben“, „…macht keinen Sinn“,…, ich habe die Beteuerungen noch im Ohr. Und als anfangs der Pandemie schon Leute gegen sämtliche Maßnahmen gewettert haben und mit einer drohenden Impfpflicht den Teufel an die Wand malten, habe ich stets dagegen gehalten, es als Hirngespinste abgetan, zu Besonnenheit gemahnt, „so weit sind wir noch lange nicht“. Und jetzt sind wir doch an dem Punkt. Darf ich schon scheiße finden. Zumal jetzt, da Omikron zwar durch die Welt fegt, aber durchaus keine Intensivstationen bersten. Was soll das? Mehr als 70% sind geimpft und haben leichte Verläufe. Und wenn sich auch die Krankenhäuser füllen, dann zeigt das nicht unbedingt, dass zu wenige geimpft sind, sondern dass man zu arg kaputtgespart hat, und das noch während der Pandemie. Was haben wir gestaunt, als China innerhalb von 3 Monaten Krankenhäuser nur für Covid hochgezogen hat. Bei uns wurden Betten abgebaut. Es ist ein Elend, dass die Impfung nicht hält, was man sich von ihr versprach. Aber so ist es, und man kann nicht einfach so tun, als wäre es nicht so und sie weiter als die ultimative Lösung anpreisen.

Und dann sagt auch keiner, auf wie viele Impfungen sich eine solche Impfpflicht erstreckte. Auf die drei Mal, die jetzt die meisten haben, auf 6, 10 oder 15 Mal? Ich will auch nicht alle paar Monate boostern gehen! Auf Twitter kursieren massenhaft Tweets, die regelmäßiges Impfen mit Zähneputzen vergleichen. Aber das halte ich auch für eine unzulässige Banalisierung. Zwischen Impfen und Zähneputzen ist doch ein großer Unterschied.

Und dann hat die Politik es in der ganzen Zeit nicht schaffen können, dass der Impfstoff überall hinkommt, so dass weltweit geimpft wird und solche Mutationen überhaupt nicht erst entstehen? Die UNO mahnt unentwegt, man müsse den Impfstoff besser verteilen. Aber in der reichen, westlichen Welt wird über eine 4. Impfung geredet, und anderswo ist niemand geimpft, nicht ein erstes Mal.

Eine Impfpflicht wäre vielleicht eine Notlösung, und von einer Notlage kann man schon sprechen. Aber sie wäre auch ein Ablenken von Missständen im System und politischen Fehlern, und dagegen darf man schon protestieren. Nur wie?

Eine Impfpflicht würde die gegenwärtige Welle nicht mehr brechen. Und viele ließen sich auch mit Pflicht und Androhung aller möglichen Konsequenzen nicht impfen. Dann halt die Konsequenzen - bitteschön.

Wenn so das Ende dieser Pandemie aussehen soll, dann ist es ein sehr blödes Ende.  Das Ziel, das formuliert war, hieß lange „wie davor“, „normal“. Mittlerweile muss jedem klar sein, dass „wie davor“ es nicht geben wird, und „normal“ wird anders sein. Es ist zu viel passiert. Es sind Leute gestorben , haben gelitten, sind bankrott gegangen, haben ihre Erwerbsquelle verloren, sind an den Maßnahmen krank geworden,…  Das Ende wird jetzt geschrieben- Ich meine, es wäre an der Zeit, Ziele zu formulieren.

Wir sind nicht China. Wir müssen Krisen anders lösen können. Beherztes Handeln wie Krankenhäuser dann bauen, wenn sie gebraucht werden - ja. Aber wenn wir die bleiben wollen, die wir meinen, dass wir sie sind, dann sollten wir Wege finden, die mehr Souveränität und individuelle Lösungen erlauben, dann sollten wir mit der Eigenverantwortung auch Fehlertoleranz einkalkulieren.

Vielleicht kommen wir alle mal wieder runter? Omikron fegt durch, und vielleicht wird der Müll mal nicht pünktlich abgeholt oder im Supermarkt ist ein Regal nicht aufgefüllt, vielleicht fallen Schulstunden aus oder die Post kommt zwei Tage später. Dann ist das halt so. Wenn die Krankenversorgung hapert, dann ist das freilich arg. Für ein auf Leistungsfähigkeit, nicht auf Gewinnmaximierung geplantes Gesundheitswesen würde sich auch mal lohnen, zu demonstrieren. Ich wäre dabei.

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