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Doch, am Ende, so im Nachhinein, meine ich doch, fühlte sie sich an wie ausgefallen. Abgesagt und ausgefallen. Was war, war keine neue Form von Fasnet, eine der Pandemie angepasste. Ja, es war noch nicht mal eine Notlösung. Es war eher eine Art Ehrbezeugung, a tribute to -, als würde halt irgendwie der Umstand, dass sie gewesen wäre, gewürdigt.

Die Clips mit der Schmotzigengruppe und mit den Kindern waren schön zu machen. Da war kurz Fasnet. Außerdem waren just in diesen Tagen diverse Kindergeburtstage, verkleidete natürlich. Wenn so ein Kind sich ein ganzes Jahr auf seinen Geburtstag freut, und dann ist der und es darf aber nur ein einziges weiteres Kind einladen, dann macht das die Sache nicht einfacher, wenn das Ganze  dennoch eine Party geben soll. Wir hingen uns also ziemlich rein, und am Abend des Schmotzigen hing die Krone denn auch schief und war die Schminke verschmiert. Fürs Zoomtrinken anschließend hatte ich kaum mehr Energie. So weit so gut. Am Samstag eine Freundin auf einen Fasnetssekt besucht, am Abend die Küche geputzt. Am Sonntag wäre normal der Bajassumzug gewesen, da waren die Kinder heuer nicht mal da. Stattdessen die Eltern besucht und abends Schulsachen sortiert. Stapelweise Arbeitsblätter versucht einem Wirrwarr von Schnellheftern zuzuordnen, deren Inhalt bestimmt einem System unterlag, aber keinem, das ich verstand. Jetzt ist alles irgendwo drin, und es sind neue Ordner gekauft. Künftig will ich aufmerksamer Schulranzen aufräumen. Alles ist zu was gut. Ich bin näher dran jetzt. In viele Hefte hatte ich kaum je wirklich hineingeguckt.

Am Montag wurde ich um sechs Uhr wach, weil eine kleine Prozession, ein mageres, trauriges, herzanrührendes Orchester in noch stockfinstrer Nacht, das erste  Morgengrauen war noch weit, am Fenster vorüberzog und „Oh-jerum“ spielte, in Moll. Dazu defilierte ein langer Mann vorüber, der mir aus dieser Perspektive fremd vorkam - der Kopf riesig, und so harte, kantige Züge; ausserdem schien der Körper geschrumpft. Ich kannte den langen Mann eher aus Kinderperspektive, die eigenen Augen irgendwo auf Kniehöhe, darüber bis zum fernen Kopf hoch oben viel wallendes Blau. Komisch. So sieht der aus? In diesen Zeiten ist sogar der lange Mann nicht mehr das, was er mal war. Die Prozession bog um die Ecke, und der Spuk war vorbei. Das war ein kurzer Moment Fasnet.

Später verstand ich, weshalb mir dieser lange Mann so fremd erschienen war – es war nicht das Original, das in der Kammer der Narrenzunft das ganze Jahr auf seinen Auftritt wartet, sondern eine Nachbildung, der man das halt auch ansah. Ich fand´s dennoch sehr gelungen - und durchaus coronakonform. Danke, wem auch immer.

Um halb acht Kaffee gekocht. Unterm Küchenfenster stand ein grünes, zartes Fransenkleidle bereit zum Abstempeln im Lokal gegenüber; es stand ganz einsam und allein, als hätte ihm als Einzigem keiner was gesagt. Und außerdem war da eine Völkerwanderung in Richtung Schwarzes Tor, die mich wunderte. Mit dabei zwei Herren in Schwarz mit Abstandslanze zwischen sich. Kurios. Ich selbst wartete daheim auf eine Freundin zum gemeinsamen Stream-gucken. Zwei Haushalte beisammen und online per zoom mit weiteren verbunden,  ein Huhuhu in jede Himmelsrichtung. „Es geht los.“ Um acht das Läuten von draussen und drinnen das erste Glas Sekt. Ich lerne allmählich Zoomtrinken. Der Stream lief dann meist nebenbei, und das war okay. Er war Anlaß und Rahmen, aber je nachdem, was für Haushalte zusammenkommen, genügen die sich völlig. Ich glaube aber, was wir so mitbekommen haben - der Stream war ganz gut - abwechslungsreich. Dankbar sein drum muss man im Nachhinein allemal; ohne ihn wären nicht 500 Leute zeitgleich in der Stadt gewesen, sondern 2000. Und dann wären die Wellen bis nach Übersee geschwappt.  Wir haben selbst gesungen -  „Narro kugelrund“ , und die Restbonbons vom letzten Jahr flogen gegen Füße und Bildschirm. Kurze Momente einer vagen Ahnung Fasnet  und viel gemeinsames Gedenken und Vermissen.

Mittags kamen die Kinder zurück; sie stiegen freudig aus dem Bus. „Ich hab ein Gschell gesehen“, „ich einen Federahannes“. Da habe ich mich mitgefreut. Ein weiterer Kindergeburtstag, mit Narro-kugelrund und Zuckerzeug. Das war´s an Fasnet.

Wir hatten etwas dekoriert, das mach ich normal gar nicht so, und die FasnetsCD lag all die Tage beim oder im Gerät. Kurz hatte ich überlegt, die Kinderlarve rauszuholen und sie über die Sessellehne zu legen. Nur um wenigstens sie dabei zu haben. Aber dann – all die Geburtstage im Haus. Und dann die abgesagte Fasnet, und kein Umzug und kein Sprung und keine Gäste und kein Durch-die-Stadt-ziehen, und alle blieben eben auch dies - zuhaus - da hat man um so mehr Mühe, Sorge zu geben, damit nichts Schaden nimmt, mehr Sorge als Gewinn und Freude. Sie blieb wo sie war. Das kleine Kinderkleidle ist das einzige, das im eigenen Haushalt wohnt, die andern sind alle bei den Eltern. Im Vorfeld hatte ich auch überlegt, eines von den Großen zu holen, ich hätte mit den Glockenriemen jucken können, wir hätten den Klang gehabt, und  ich hätte damit wiederum zu den Eltern gehen und aufsagen können. Sie hätten sich bestimmt gefreut. Aber dann habe ich es gelassen, es wird ja auch ohne nicht langweilig, und ich rechtfertigte mich im Geiste „Ihr Guten! Es ist Lockdown. Alles zu, alles gestrichen. Und wenn es noch so scheiße ist – so ist es. Da müssen wir jetzt alle durch, wir in unseren Buden und Ihr in Euren Kisten. Sorry. Die nächste Fasnet kommt bestimmt.“ 

Bestimmt gab es andere Kleidle, die rausdurften und in Narren – und anderen Stuben aufgelebt haben. Manche wurden bestimmt auch getragen. Auch okay. Irgendwie stell ich mir unsere Larven vor, die beleidigt darauf zeigen und sagen „guck! Geht doch!“

Das zarte, grüne Fransenkleidle, das unterm Fenster scheinbar aufs Abstempeln gewartet hatte, sah ich später wieder auf dem Clip, der rumging und zeigte, was so los gewesen war in der Stadt. Es trug ein Schild „Herr, wirf Hirn ra“, und im Entrüstungssturm im Internet kommentierte das jemand mit „Hoffen wir, er trifft auch das Fransenkleidle“. Das fand ich witzig.  So charmant können Eigentore sein.

Ich war sicher gewesen, es würde ETWAS sein, es würden welche kommen. Es halten sich nie alle an ein Verbot, und es gibt immer welche, die einfach zu neugierig sind. 25 Narren waren´s also, das waren nicht so spektakulär viel, und 500 Zuschauer, diese Zahl wiederum fand ich erstaunlich. Wie auch immer. Das Bashing war heftig, aber es überraschte mich nicht.  „Gleiches Recht für alle“ soll gelten, die einen halten sich an die Regeln, die andern nehmen´s nicht so eng. Da kann man sich schon aufregen. „Gleiches Recht für alle“, das ist ein logischer und legitimer Gedanke. Aber er ist halt auch kaum für alle zufriedenstellend durchzusetzen. Klar bleibt das Recht als solches immer dasselbe, aber jede Situation ist anders, und Gerechtigkeit ist doch vielmehr ein Gefühl und also subjektiv. Da tritt Black lives matter gegen Coronawiderstand in Konkurrenz, Fußballer gegen Friseure, Alte gegen Junge, Narren gegen Hochzeitsgäste und Jubilare - wer erlaubt sich was wie viel und wo wird wie geahndet. Wer getraut sich da, von Gerechtigkeit zu reden. Ich stelle mir das Dasein als Polizist nie als so ganz entspannt vor. Derzeit, könnte ich mir vorstellen, ist es ziemlich heftig. Dieselben, gegen die es gestern gehen sollte, feuern einen heute an, und morgen ist es wieder anders. Und da soll man es recht machen.

Ich habe nicht so fürchterlich empörend Schlimmes gesehen. Zwei Dutzend Narren und viele Zuschauer, weit überwiegend mit Maske, sogar unter und über der Larve, und vielleicht nicht immer akkurat Abstand haltend, eine Enge duldend, wie man sie auch vom Einkaufen kennt, aber auch kein enges Gedränge, und ein durchweg kooperatives Auflösen der ganzen Geschichte. Es wurde schließlich auch kein Reichstag und kein Rathaus gestürmt.

Ich verstehe beides, Verbot und Übertritt, und Frust und Empörung. Ich würde da nicht urteilen wollen.

Einem Kommentator in einem Onlineforum gab ich allerdings Recht –die Empörung betraf den Fasnetsmontag und sie traf gestandene Bürgersleut. Nicht auszudenken, wenn Junge am Schmotzigen über die Stränge geschlagen hätten. DAS wäre womöglich ein shitstorm und ein Bußgeldreigen gewesen, die sich noch mal anders gewaschen hätten. Dabei tun mir die Jungen mitunter am meisten leid. Wenn man so zwischen 14/15 und 20 ist, in dem Alter, in dem man auf die Welt lostürmen will, es nicht darf, und gleichzeitig deuten alle auf einen, weil man die nächste Generation ist, diejenige also, welche der Wirtschaft irgendwie ein Wachstum abringen soll, das den ganzen Mist bezahlt, dann ist so ein langer Lockdown doppelt bitter.

Jetzt ging es also mitunter gegen die Narrenzunft - wie konnte das geschehen? Dabei hat die es auch nicht verschuldet. Wie auch? Es war ja pflichtschuldig alles abgesagt und immer wieder gemahnt worden zuhause zu bleiben. So will ich verteidigen, und ich suche das Mitgefühl für die so herb Gescholtenen, die Armen. Und dann denk ich wieder „ach, lass ma. Das sind lauter Männer mit breiten Rücken, die werden das aushalten“. - Sei´s drum. Mein Mitleid ist flüchtig. Ach, ihr Herren, nehmt´s nicht zu schwer. Bis zur nächsten Fasnet tut´s keinem mehr weh. Und Falsche trifft´s in dem Sinn auch nicht. Diese Männergilde, die so ernsthaft und schwergewichtig die ganze fasnachtliche Last fast alleine durch die Jahrhunderte trägt - heldenhaft und voller Aufopferung - so hat man´s wollen. Fasnet und Zunft ist eins. Voilà. Den Rückschluss muss man jetzt halt auch leiden. Mindestens genauso schräg wie den illegalen, kleinen Protest-Sprung finde ich ja diese Gemeinschaft von mittelalterlichen, bis mindestens in die vorletzte Generation einheimischen Männern, die da doch einen leicht vergilbten Geist des kultivierten Machismo verströmt und immer so ganz genau weiß, was wie geht und wie eben nicht, was noch gilt und was nicht. Und jetzt ist alles anders, und „keine Fasnet gibt es nicht“, aber keiner weiß auch so wirklich, wie sie denn heuer sein darf.  Da ist so ein Stream eine gute Idee und ein gutes Angebot, aber natürlich gehen Leute auch andere Wege.

Ich sag ja immer – stellen wir uns besser drauf ein. Shit happens. Es ist eine Scheißzeit, eine scheiß-Coronazeit, und die wird wohl so noch eine Weile bleiben, und jeder hat berechtigten Grund zur Klage und berechtigten Grund sich aufzuregen. Auch weil vielleicht nicht alle, aber sehr viele sich eben doch an sehr viele Regeln halten. Und manchmal tun sie das halt auch nicht, aber jeder an einer anderen Stelle. In China hat man genau dies unterbunden. Da werden alle so lange ins Zuhause gezwungen, egal, wie das aussieht, egal, wenn auch gar nichts mehr geht, für keinen, so lange, bis die Nummer halt erstmal durch ist, und dann geht man wieder zur Tagesordnung über. So rigoros geschah das hier nicht und würde wohl auch nicht gehen. Also ist´s wie´s ist. Jeder tut so gut er kann, und jeder versucht sich und das Seine am Laufen zu halten. „Wir werden einander viel zu verzeihen haben“, sagte Gesundheitsminister Spahn.  Der ist sonst nicht mein Fall. Aber so sieht´s aus. Ziehen wir auch das Verzeihen durch.

Ich verließ am Montagnachmittag mal für kurz den Kindergeburtstag und streifte durch die Innenstadt. Die Nachmittagsstunden des Fasnetsmontag sind mir mitunter die liebsten der Fasnet, wenn die Aufregung des ersten Sprungs am Morgen abgeklungen und alles noch mittendrin ist in der Fasnet; wenn die überall ist, in Straßen und Gassen, Wohnungen, Häusern und Heimen, in der Stadtmitte, in den Außenbezirken und in Teilorten, wenn es überall juchzt und klingt und lacht und juckt. An diesem Fasnetsmontag war es  so still wie an ´normalen´ Tagen oft nicht.  In einer Gasse traf ich auf ein Biss, ich hörte die Glocken von Weitem und freute mich sehr. Und in der oberen Hauptstrasse klepften zwei junge Kerls, und wie ich so weiterging, sprang ein junges Mädel hinzu, deren Freund den Narrenmarsch vom Handy abspielte, und das Mädel gab das Rössle und juckte gurrend zwischen den Treibern hin und her. Alles lachte und hatte eine Freude. Ich auch. Das war ein sehr schönes, anrührendes Bild und sehr unschuldig. Solange ich es nicht mit meinem feministischen Auge betrachte. Das muss ich mir fast mit Gewalt zuhalten. Dass Frauen in Rössle nicht zugelassen sind – voll machomäßig - unter diesem Zuhalten durchgespickelt und betrachtet, finde ich das durchaus korrekt. Wenn schon so eine Männerkiste, dann mache mann dies Treiben wenigstens unter sich aus und treibe sich gegenseitig. WENN dann mal Frauen im Rössle vorstellbar sind – und das fände ich klasse - dann bitte auch und gerade als Treiberinnen. Klepfen für Mädchen - wenn das mal so angesagt ist wie Ministrieren in der Kirche, dann wäre man etwas in der Neuzeit angekommen.

Fasnet ist Brauchtum und Tradition und Regelwerk und Verein und Gedöns, aber auch schlicht Geselligkeit und Zusammenkommen. An der Fasnet trifft man so viele Leute wie sonst in zwei Jahren nicht. Genau dies ist halt grad No-go. So gesehen war die Fasnet zu Recht abgesagt und hat sie auch tatsächlich nicht stattgefunden. Aber Zunftmeister Bechtold sprach von „Privatvergnügen“, das die unerlaubte Narretei gewesen sei, und wo er Recht hat, hat er Recht.  Es stimmt - Fasnet ist auch Privatvergnügen und also eine Frage des eigenen Ermessens und Gestaltens. Es war nicht die Fasnet verboten, nur die große Sause. Meine nächste Coronafasnet, sollte es die geben, sähe anders aus. Ohne Sprung, aber mit Kleid und Larve. Und wenn´s keine Coronafasnet ist, dann sieht sie sowieso anders aus. In jedem Fall, es war, wie´s war und war okay, und es geht dagegen.

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