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Die Qual der Wahl III

und was Alice damit zu tun hat
copyright Rottweil ist überall

Ein Wochenende mit viel Kultur und Lokalgeschehen – das war ziemlich viel „Rottweil“ aufs Mal. Gleich darauf das neue Schuljahr, was der eigentliche Jahresanfang ist; dazu eine Wahl - das will sortiert sein.

Am Freitag war ich mit der Tochter im Musical im Festsaal der Gymnasien, in„Alice im Wunderland“ - eine Premiere, eine Uraufführung sogar. Wir fanden´s toll; Musik, Text, Gesang und Darbietung – alles ganz ganz klasse und richtig viel Wunderland. Da gab es eine Unterwasserwelt mit bunten Fischen und wogenden Quallen und einen Garten mit Riesenpilzen. Die Raupe gefiel uns und die Schildkröte, der Schmetterling, der über unsere Köpfe hinwegflatterte, und dann die singenden Karten -. Das Mädel stand mehr als es saß, und sie staunte und lauschte mit offenem Mund. Und ich staunte auch – wie viele Effekte da mit im Grunde doch einfachen Mitteln auf die Bühne gezaubert wurden, und wie fantastisch Leute singen, die doch als Amateure gelten. Wir waren mit bei den Ersten, die am Ende aufstanden und im Stehen applaudierten, (wobei das Mädel die Länge des Klatschens für übertrieben hielt. „Ja, my love, so ist das – wenn es richtig klasse ist, müssen die Hände heiß werden und kribbeln“). Im fahlen Vollmondlicht liefen wir heim und zählten auf, was alles beeindruckt hat: wie die Darsteller*innen versteinert still standen, nicht die kleinste Bewegung war zu sehen, und wie gemein die Herzkönigin war, die sich für die Schönste hielt und es doch gar nicht war, dann das Elend der Pik Sieben und das des Küchenjungen, der doch so schön gesungen hat; der Hutmacher mit Hase und Haselmaus, die so lustig getanzt haben,..., und natürlich Alice, die sich mit den vielen Müssens im Schulalltag quält und viel lieber Abenteuer erleben möchte. Das kennen wir, das konnten wir beide gut nachvollziehen.

Das Mädel singt im Schulchor und mag überhaupt Musik, Rhythmus und Tanz, und ich würde nicht ungern sehen, wenn sie Lust bekäme mitzumachen. Aber da winkt sie ab, „soo viel üben, wie man da muss – das ist ihr zu viel“. Prima. Und was folgt daraus nun? „In jeglichem Ding steckt ein Sinn“, so singt die Herzogin im Stück. Die Moral von der Geschicht wurd in Sprichwörtern im Stück virtuos besungen. Wenn einer eine Grube gräbt, fällt man, den Spatz in der Hand, nach einer Lüge mit kurzen Beinen, weil aller guter Dinge drei sind, wie der Apfel nicht weit vom Stamm... am Ende selbst hinein. „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“, sag ich zur Tochter, und denke doch an Alice, die singt „Aus den Fehlern unsres Lebens, da lernen wir etwas dazu. Und aus den Früchten unsres Strebens, macht man einer ein Ragout“ - so kann´s halt auch gehen, auch wenn dann nicht so heiß gegessen wird wie gekocht. Vielleicht hat sie Recht, Alice wie auch das Mädel. Sie ist Kind, nicht Meisterin, und Großwerden ist erstmal anstrengend genug. „Gut Ding will Weile haben“ - wenn ich nun schon an den Sprichwörtern bin.

Am Samstag war ich dann ohne Kind unterwegs, mittags im Kino, zur Premiere eines Kurzfilms von Sophia Schiller, bei dem eine meiner persönlichen Herzköniginnen mitgespielt hat. Natürlich fand ich sie großartig, wie ich überhaupt den ganzen Film großartig fand, und ich habe sehr bedauert, dass mein Mädel nicht dabei war. Sie wollte durchaus, aber die Herzkönigin und ich, wir waren nicht sicher gewesen, ob es passte, eventuell den Rahmen sprengte. - Es hätte nicht nur gepasst wie Hintern auf Eimer, es hätte ihr allerbestens gefallen. Wie ein kleines Mädchen die Welt wahrnimmt - so war der Film aufgebaut. Wie schon am Vorabend beim Musical, war ich auch hier geplättet von den Talenten der mitwirkenden Kinder. Das Mädchen, das im Film die Hauptrolle spielte, tat das wie ein Profi. Ich konnte dem Blick so gut folgen – ganz genau so war´s, damals. Der Film wird in Köln laufen und in Lissabon; schade, dass er in Rottweil nur dies eine Mal lief.

Danach ein erstes Schlendern übers Stadtfest, das eben erst vom Noch-OB eröffnet worden war. Es dauerte nicht lang, da landeten wir beim Stand von Simon Busch. Da gab es Luftballone und Kinderschminken, und erneut bedauerte ich, dass meine Kinder nicht dabei waren. Nachts würde das Thema - weshalb hat der Eine einen Stand und die anderen Kandidaten nicht? Ich fand nichts dabei. So konnte ich also Busch fragen, wie er zukünftig mit Bauanfragen und Flächenverbrauch vorzugehen gedenke. Ich habe seine Antwort so verstanden, dass er mit Expertenbegleitung quasi eine neue Innenstadtsatzung initiieren würde, sowie eine für Neubauten. Da kann ich mit – wenn dann auch wirklich nachhaltig konzipiert wird. Ich könnte mir eine Personenzahl je bebautem QM vorstellen, wie sie auch für Hartz IV und Wohngeld gelten – wie groß darf eine Wohnung sein für den jeweiligen Haushalt. In den Sozialsystemen geht es rein um ökonomische Aspekte, aber mittlerweile, meine ich, muss man „sich leisten können“ auch ökologisch und gesamtgesellschaftlich verstehen.

Ich hätte dieselbe Frage gerne Kai Jehle-Mungenast gestellt, der es an diesem Stadtfest sicher schwer hatte, aktiv und repräsentativ dabei zu sein. Einen eigenen Stand hatte er nicht und auch nicht die Verbindungen – so stand er halt auch nicht, wie Ruf beim Lions-Club, hinter einem Tresen. Ich vermute, seine Antwort auf meine Frage hätte mir gefallen. Er hat ja gute Ansichten und ist rhetorisch versiert. Ich tue mich halt schwer mit CDU und FDP. Aber ich will auch unvoreingenommen sein!

Um 18 Uhr waren meine Herzkönigin und ich beim Empfang zu Ehren des 50-jährigen Jubiläums der Rottweil-Hyères-Partnerschaft. Ich war ihre Begleitung und das sehr gerne. Erst jetzt wird mir bewusst, wie jung diese Städtepartnerschaft damals war, als ich anfangs der 80er mit dem Stadtjugendring in Hyères war. In der Tat – Zeit für eine Erneuerung. Stimmt schon – gerade in Zeiten wie diesen, wo Krieg herrscht und Nationalismus aufflammt, sind solche Freundschaften wichtig. Die Stadtkapelle spielte, nichts Rumtata und Täterä – Jubilance Ouverture von Benjamin Yeo, ich habe nachgefragt; voll schön. Und der Stadtkapelle gelang es auch, die beiden Nationalhymnen so zu spielen, dass sie nicht überzogen pathetisch daherkamen. Es war das erste Mal in meinem ganzen bisherigen Leben, dass ich einer Veranstaltung beiwohnte, auf der Nationalhymnen gespielt wurden, ein paar sangen auch, aber ohne Hand aufs Herz und Patriotismus, worüber ich froh war. So fühlte es sich nicht irgendwie „komisch“ an. Das fand wohl auch der Hyèroiser Bürgermeister – der ging derweil eine rauchen; im Zweifel eine Gauloise. Ein Hyèroiser–Rottweiler-Chor besiegelte die Freundschaft, danach schmeckten die Maultaschen doppelt gut.

Unverhofft und plötzlich platzte ein Date mit einer Jugendliebe in den Abend, ich will mich nicht darüber auslassen ob meine oder die meiner Freundin, es kannte ihn nur eine von uns. Wir warteten aufgeregt im Schwarzen Tor. Ein Kerl, breit wie ein Koffer, verzottelt wie ein alter Teddy, mit blutunterlaufenen Augen lief an uns vorüber. „Der isses!“ . „Ha ha ha.“ Dann kamen zwei Bekannte, beide in Stadtpolitik bewandert und engagiert; wir warteten immer noch. ER weiß, wen er wählt - „Busch!“, ganz klar, „weil der was bewegen wird, einen neuen Wind in die Stadt bringt“. Er traut´s ihm zu. IHR geht es erstmal darum „Ruf zu verhindern“. Okee. Das hatte ich in dieser Deutlichkeit auch noch nicht gehört. Klares Votum für Busch. 

Ich meine, ich kann´s schon nachvollziehen. Ich hab ja selbst auch so meine Schwierigkeiten mit der CDU, (der FDP aber auch) - am Ende gewinnt halt immer der wirtschaftliche Vorteil, gerne auch der eigene. Ich könnte mich heute noch aufregen über die ganzen Skandale vor der letzten Bundestagswahl, um Korruption und Selbstbereicherung. Man ist so selbstbezogen. Und jetzt dieser Parteivorsitzende, dem man anmerkt, dass für ihn erfolgreiche Politik ist, wenn Geld aufs Konto kommt. Nicht Wohlstand meint er, sondern Habgier. Aber einem Lokalpolitiker im Ländle kann ich das nicht ankreiden; das ist hier nicht die große Bühne in Berlin, und weswegen „Ruf verhindern“ gälte, hab ich so nicht herausgefunden. Die Menge schob weiter.

Ruf wird ja nun sogar von der SPD unterstützt. Finde ich krass und war auch Thema am Stadtfest. Meine Freundin ist für die SPD im Gemeinderat, ist allerdings als Nicht-Parteimitglied auch nicht Teil des Ortsverbandes und konnte mit dessen Votum für Ruf so gar nicht mit. Unabhängig davon, wen sie selbst wählen wird, muss sie nun als Fraktionsmitglied allerorten erklären, dass Fraktion nicht Ortsverband ist und die Fraktion als solche keinen der Kandidaten unterstützt. Ihr Verhältnis zum Ortsverband ist ohnehin nicht ganz unbelastet, soll sie doch von der Aufwandsentschädigung, die sie für ihre Arbeit im Gemeinderat erhält, einen Teil an den Ortsverband abtreten. Da habe ich auch gestaunt. Als Altenpflegerin gehört sie nicht zu den Besserverdiener*innen und sie hat extra ihre Arbeitszeit reduziert, um genug Energie fürs Amt zu haben. Und nun soll sie von dem, das ihr den Verdienstausfall etwas ausgleicht, abtreten? Wieso? Voll schräg. Sehr arbeitnehmerfreundlich will uns das nicht scheinen. Sie tut´s drum auch nicht.

Das Date kam. Ich dachte, „vielleicht doch den Busch“, und wir zogen weiter, in den Garten des Stadtmuseums, den ich nicht gekannt hatte und ganz entzückend fand. Der Weißwein war lecker und ich stand unter Frauen und unterhielt mich über Urlaub, Wohnen, über Kinder, und am Ende doch auch wieder über Politik. Die Bürgermeisterin von Brugg kam hinzu und erzählte, bei ihnen gab es 10 Kandidat*innen für 5 Ämter. Eine weitere Freundin, ebenfalls Herzdame und in städtischer Verwaltungsarbeit bewandert, meinte, die Bürgermeister*innen werden dort gleichzeitig mit dem Stadtrat gewählt, welcher wiederum in etwa den hiesigen Fachbereichsleitungen entspräche. Jedenfalls waren in Brugg von 10 Angetretenen 5 Frauen. Am Ende wurde sie es, und vier Männer, und es klang heraus, dass diese nicht mehr ganz jung seien, (das Wort „alt“ fiel), und die Zusammenarbeit mit ihnen mitunter auch etwas speziell sein kann. „Frauen unterstützen einander nicht“, stellten wir fest, jedenfalls weniger als in den 80ern noch, als die Themen Emanzipation und Gleichberechtigung wichtiger waren. Heute treten sie zurück hinter andere, drängendere. Auch ich mache mein Votum weniger am Geschlecht fest als an der Haltung zu den herrschenden Krisen. Trotzdem bin ich überzeugt, die Welt wäre eine bessere, wenn mehr Frauen in führende Positionen kämen. Brugg hat eine grüne Bürgermeisterin! Ich bin fast neidisch. Sie ging bald; anderntags wollte sie mit dem Rennrad zurück nach Brugg radeln. Wow!

Wir zogen zur Narrenzunft bis es dort nichts mehr gab, dann in den Schwarzen Baron. Da war ich auch noch nie. Dort traf ich eine Frau wieder, die auch schon im Stadtmuseumsgarten war, und kam mit ihr, wie kann es anders sein, auf die OB-Wahl zu sprechen. Für die muss es nun grade Ruf sein. Es gälte „Busch zu verhindern“. Uih. Damit hatte ich nicht gerechnet, auch und gerade von ihr nicht. Und ich dachte so, wenn heute Abend alle Recht hätten, dann passt grad so gut der Kai Jehle-Mungenast.

Es ging dann um den Stand am Fest, den der Eine hat, die Andern nicht - dem ja aber doch reines Antragsstellen zugrunde liegt ist - und wie damals das Militärgelände am Linsenbergweiher in private Hand kam. „Alles Mauschelei und Klüngel,“ sagte sie. Eigentlich ziemlich olle Kamellen, meine ich. Ich habe keine Ahnung. Mir ist das dort heute irgendwie sowieso wie früher. Damals hing ein Schild „Selbstschussanlage“ dran, „Lebensgefahr!“ - das fehlt heute, und dahinter ist heuer nicht Militär, sondern Kunst. Aber wenn es anders wäre, wüsste ich´s auch nicht. Der Zaun ist so hoch wie eh und je und das Gelände hermetisch abgeriegelt. Mir irgendwie auch egal. Ich bin dort wegen des Wassers. Außerdem denke ich - für seine Verwandtschaft kann man nichts, noch nicht mal für die angeheiratete. Ich meine, man wählt den einen Menschen, nicht die Sippe, oder.

Es wurde spät, und auf dem Heimweg war ich a) entzückt, dass ich so pfeil-geradeaus laufen konnte und b) wieder vollkommen verwirrt. Wen wählen? „Ich bleib zuhause!“, nahm ich mir trotzig vor, „keinen Nerv mehr“, um im nächsten Moment zu denken, dass das auch nicht geht. Ich habe eine Stimme, um sie abzugeben, also tu ich´s auch. Mein idealer Wunschkandidat ist einfach nicht dabei, es wäre sowieso eine KandidatIN - grün, links und progressiv. Und da habe ich mir nun überlegt, ob man nicht tauschen könnte: eine Brugger Bürgermeisterin hierher, dafür hätten wir hier ein paar versierte, junge Männer übrig, mit denen frau dort auch ganz gut kann - bestimmt. Ich fänd´s prima!

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